TEXT – VORTRAG – Diashow aus der Herrentoilette (12)








 



[12] Die letzte Phase der produktionsästhetischen Aufmerksamkeit Duchamps für das Pissoir ist denn auch nurmehr dem Aspekt der Auswahl gewidmet. „Whether Mr. Mutt with his own hands made the fountain or not has no importance. He CHOSE it. He [...] created a new thought for that object“ hob der Artikel in ‘The Blind Man’ noch hervor. Aber 1964 machte Duchamp sich daran, dreizehn seiner Readymades in einer Auflage von acht Exemplaren zu reproduzieren: die Objekte wurden nicht ausgewählt, sondern wie eine gezielte Maßnahme für den Kunstmarkt plaziert. Allerdings sind acht Exemplare für eine potentielle Nachfrage zuwenig und – dem Konzept Duchamps für die Readymades folgend, in dem der Augenblick und der Zufall eine einmalige Situation generieren – sind acht sieben zuviel.
Die multiple Produktionsweise war eigentlich durch die ‘Boîte’ schon erprobt – auch für das Publikum. Dennoch wurde Duchamp vielerorts vorgeworfen, daß er seine Idee verraten habe. Dabei handelt es sich nur um eine konsequente Fortführung der Strategie, die dem Pissoir bislang zugute kam. Die zahlreichen Attacken Duchamps gegen die fotografisch gefestigte Vorstellung zu ‘Fountain’ oder den Kunstcharakter des Objekts nutzten allesamt der Betonung des „new thought for that object“. In der Verkehrung der Geste von 1917 verwarf er die Idee 1964 auch nur scheinbar, denn er stärkte sie durch eine den Gesetzen der Ökonomie zuwiderlaufende Produktionsweise, indem der Massenartikel in liebevoller Kleinstauflage reproduziert wurde. Janis und Linde bedienten sich der Pissoirs aus dem Handel, aber sie konnten eigentlich nicht die Geste wiederholen, sondern nur deren Handlung reproduzieren. Nur Duchamp hätte diese Geste wiederholen können, wäre aber dem Readymade-Konzept, das ‘Fountain’ zugrundeliegt, untreu geworden. In der akribischen Nachbildung – für die übrigens die Stieglitz-Fotografie dann wieder wertvolle Dienste leisten konnte – emulierte er durch die Produktion die Idee. Und das reproduzierte Pissoir kann das ursprünglich ausgewählte Objekt hinsichtlich Form, Funktion und Nutzen ja tatsächlich ersetzen. Nur das erste Pissoir von 1917 ist authentisch mit der ‘Auswahl’ verknüpft, also zeitigt die Nachbildung des Objektes – und nicht der Handlung – mehr Achtung vor der Idee als vor dem Objekt. Nur die Begrenzung auf acht Exemplare vermag einen Bezug zum etablierten Kunstmarkt herzustellen.

Konstruktions-zeichnung von ‘Fountain’ für die Multiple-Auflage der Galerie Schwarz, Mailand 1964

 

 

 





 


<Anfang>

<1> <2> <3> <4> <5> <6> <7> <8> <9> <10+11>
<12> <13 und Literatur>


   

HTML; CSS; JavaScript; GIF; JPEG