TEXT – VORTRAG – Diashow aus der Herrentoilette (1)








 



Sehr verehrtes Publikum,
wir haben es in der folgenden halben Stunde mit einem Objekt zu tun – ‘Fountain’ von Marcel Duchamp –, welches 1917 zum ersten Mal in Erscheinung trat, nur in einer Fotografie festgehalten wurde, da das Original verlorenging, und über viele Worte der verschiedensten Disziplinen zu einem der markantesten Beiträge der modernen Kunst avancierte. Je nach Lesart und Verknüpfung mit dem historischen Kontext greifen die folgenden Bilder zum ‘Fountain-Komplex’ einige Besonderheiten zur Rezeption dieses Objektes auf – nicht nur im Sinne fotografischer Dokumente. Da die Erkenntnisse der überlieferten Forschung und ‘Fountain’-Exegese in dem umfangreichen Archiv der Sekundärliteratur nachzulesen sind, widmet sich mein Vortrag mehr den ‘augenscheinlichen’ Anmerkungen und Ergänzungen zu dem recht bildfern argumentierenden Diskurs über ‘Fountain’.

[1] Doch beginnen wir mit einer Arbeit, die auf die Historie von ‘Fountain’ zurückblickt. In der hier gezeigten Abbildung einer Skulptur von Sherrie Levine wird der historische Verlauf kommentiert: die Karriere des ursprünglichen Porzellanpissoirs beginnt mit der Fragestellung, ob wir es bei dieser Geste überhaupt mit Kunst zu tun haben, um über die Jahre und zahllose Statements und Interpretationen hinweg mit der Auszeichnung ‘Kunstwerk’ versehen zu werden. Die Transformation bei Levine zu einer eigenen Skulptur gründet dabei auf einer doppelten Konsequenz: damals hat Duchamp ein sanitäres Stück erwählt, welches heute als Skulptur begriffen wird – also fertigt Levine einen Bronzeguß an –, und die Signatur, die auf die Porzellanoberfläche geschrieben war, hatte bei Duchamp eine anonymisierende Nebenwirkung, da er „R. Mutt“ zum Künstler autorisierte – die bronzene Veredelung kann dieses Pseudonym getrost übertünchen, spricht doch jeder bei ‘Fountain’ von dem eigentlichen Autor Marcel Duchamp.

Sherrie Levine, ‘Fountain (after Marcel Duchamp)’
1991, Bronzeguß, 34 x 68 x 34 cm

 

   
 




 


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